Im Mittelpunkt des Romans Heimat von Hannah Lühmann steht die schwangere Jana, die mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern raus aufs Land zieht und dort versucht, neue Kontakte zu knüpfen. Sie wird in einen Lesekreis eingeladen – zunächst geht es vermeintlich „nur“ um Erziehung, was Jana interessiert aber auch erst mal irritiert und nachdenklich macht. Erst nach und nach entblättert sich, dass hinter den Diskussionen der Frauen eine fundamental christliche Ideologie steckt. Schritt für Schritt zeigt sich ein geschlossenes Weltbild: Frauen haben sich den Männern unterzuordnen, Kinder sollen zu Hause bleiben und nicht in staatliche Betreuung gegeben werden, öffentliche Schulen gelten als gefährlich – die Kita sowieso.
Tradwives: Die Anziehungskraft der Unterordnung
Besonders anziehend ist Karolin, die Hauptfigur, die diese Ideologie nicht nur in der Gruppe vertritt, sondern sie über Instagram nach außen trägt und eine eigene Gefolgschaft um sich versammelt. Hier fließen rechte Positionen ungeniert ein. Doch es bleibt nicht nur bei der Unterdrückung der Frauenrechte: Die Bewegung verbindet das Ganze mit einem starken Naturbezug – „die Natur ist der beste Lehrer“ – und einem Rückzug ins Private. Frauen sollen sich auf Handarbeiten und Selbstgemachtes besinnen, man trifft sich in der Gemeinschaft, um die Kinder fern vom Staat „richtig“ zu erziehen. Diese Mischung aus religiösem Fundamentalismus, politischem Rechtsruck und Sehnsucht nach einer vermeintlich natürlichen Ordnung macht die Geschichte so beklemmend aktuell.
Von Sehnsucht und Zweifel
Eine Schlüssel-Passage im Buch ist mir mit Schaudern in Erinnerung geblieben: Karolin erklärt in einem Instagram-Reel, warum es ratsam ist, sich als Frau zu verhüllen und ein Kopftuch zu tragen und was dies mit der Unterordnung der Frau unter den Mann zu tun hat.
Eindringlich schildert Lühmann, wie Jana zwischen Faszination und Abstoßung schwankt. Sie ist irritiert, denkt kurz nach, übernimmt dann aber zunehmend die Gedanken der Gruppe. Dass sie in diese Welt so hineingleitet, hat mich beim Hören erschreckt, weil es so realistisch wirkt: Eine Dystopie, die gar nicht wie Zukunft klingt, sondern wie ein mögliches Jetzt.
Ein Kritikpunkt bleibt für mich die Figurenzeichnung im Umfeld. Janas Mann, der am Anfang noch als engagierter Lehrer auftritt, mit seinen Schülerinnen und Schülern Podiumsdiskussionen organisiert und sich gegen Rechts engagiert, verschwindet fast aus der Geschichte. Die Trennung von Jana erfolgt abrupt und ohne tiefere Erklärung – und für die hochschwangere Jana ist das nicht einmal ein Schock. Diese Wendung wirkte für mich etwas blass und nicht ausformuliert.
Das Echo der Geschichte
Trotzdem: Heimat ist ein sehr intensives, emotional packendes und hochaktuelles Buch, das mich tief bewegt hat. Es zeigt eindrucksvoll, wie schnell Ideologien Fuß fassen können, die Frauenrechte und Selbstbestimmung infrage stellen – und wie verführerisch einfache Antworten in einer verunsichernden Welt wirken.
Eine Freundin hatte mich auf Heimat von Hannah Lühmann aufmerksam gemacht. Gehört habe ich es als Hörbuch, was für mich die Wirkung des Buches noch einmal verstärkt hat. Die Stimme der Sprecherin war so eindringlich und die Geschichte so intensiv erzählt, dass ich mich ihrer Sogwirkung kaum entziehen konnte. Ich hatte es innerhalb zweier Abende komplett durchgehört. Heimat ist eine klare Empfehlung für alle, die sich mit den Gefahren fundamentalistischer und rechter Bewegungen auseinandersetzen wollen.
Auf einen Blick
Hannah Lühmann: Heimat
Argon Digital Verlag, Hörbuchfassung vom 19.08.25 | 4Std. 30Min | ISBN: 978-3-7324-8350-1
Sprecherin: Heike Warmuth
15,95 Euro
Hinweis:
Dieses Hörbuch habe ich selbst gekauft. Es handelt sich um keine Kooperation oder bezahlte Werbung.
