Wenn Sprache kippt – und mit ihr die Demokratie: Chronik der Entgleisungen im Münchner Metropoltheater

„Wir leben in einem Riss.“ Ein Satz, der im Zuschauerraum hängen blieb wie eine Schneide. Chronik der Entgleisungen im Metropoltheater zeigt mit beklemmender Klarheit, wie sich Geschichte wiederholt: das Erstarken rechtsextremer Kräfte, der schleichende Umbau von Sprache, Denken und Gesellschaft. Österreich wird hier zum Spiegel, in dem wir auch Deutschland erkennen – das Wiedererstarken nationalistischer Rhetorik, das gefährliche Verschieben dessen, was sagbar wird.

„Erst verändern wir die Sprache, dann die Architektur.“

Eine der eindrücklichsten Aussagen des Abends. Sprache als Fundament der Demokratie – und zugleich ihr empfindlichster Bruchpunkt. Wenn Worte kippen, kippt das Denken, und mit ihm die Wirklichkeit, die wir bewohnen.

Das Bühnenbild ist von einer unglaublichen Kraft: eine überdimensionale Uhr, deren Zeiger sich mal schneller, mal langsamer, mal vorwärts und dann wieder rückwärts bewegt. Zeit als unaufhaltsame, aber zugleich trügerische Bewegung – ein Bild, das die Darsteller antreibt, hetzt, innehalten lässt und immer wieder in die Vergangenheit zurückzwingt. Ein grandioses Sinnbild für das zentrale Thema des Abends: das Wiederkehren der Geschichte und unsere fatale Neigung, nichts daraus zu lernen.

Die Inszenierung ist messerscharf, beklemmend und von erschütternder Aktualität. Sie führt uns vor Augen, wie nah wir dem Abgrund stehen – oder wie weit wir vielleicht schon darüber hinaus sind. 

Als stellvertretende Vorsitzende von Ismaning bleibt bunt e.V., einem Verein, der sich dem Schutz unserer Demokratie, der Stärkung von Vielfalt und dem Einsatz gegen ein Abrutschen nach rechts verschrieben hat, empfand ich diesen Abend als gleichermaßen bedrückend wie bestärkend. Er hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, dass diese Arbeit fortzusetzen – laut, klar und unermüdlich.

© Metropoltheater München/Fotograf: Joel Heyd
Bildbenennung (v.l.n.r.):
Victoria Mayer, Luca Skupin, Harald Horvath, Hubert Schedlbauer, Sophie Rogall
© Joel Heyd

Auf einen Blick

„Chronik der Entgleisungen“ von Thomas Köck
Bühnenfassung: Alexander Weise
Mit einem Pro- und Epilog von Thomas Köck
Deutsche Erstaufführung
Mit: Harald Horvath, Victoria Mayer, Sophie Rogall, Hubert Schedlbauer, Luca Skupin
Aktuelle Spieltermine unter: www.metropoltheater.com


Hinweis:
Den Eintritt zur Theateraufführung haben wir selbst bezahlt. Es handelt sich um keine Kooperation oder bezahlte Werbung.