Dass es ein Abend der Kapitalismuskritik wird, verdeutlicht schon der imperative Titel von Maximilian Schafroths neuer Produktion an den Münchner Kammerspielen: Wachse oder weiche. Es ist ein musikalische Kabarett-Theaterstück – falls es diesen Genrebegriff noch nicht gibt, muss er spätestens für Wachse oder weiche etabliert werden. Neben dem Schauspieltext wird musikalisch eine bunte Kombination aus volksmusikalischem Dreigesang, Bluegrass, Gospel, Pop und kabarettistischen Liedern geboten. Beim Lied Optimiere dich ist sogar das Publikum als Chor gefragt.
Das Stück bietet einigen großen Duellthemen eine Bühne: Stadt vs. Land, Oberbayern vs. Allgäu, biologische vs. konventionelle Landwirtschaft, Kapitalismus vs. Tradition, und überhaupt München gegen den Rest von Bayern. Schafroth bespielt damit viele Themen, die man aus seinen Fastenpredigten kennt. Nur diesmal sitzt nicht die bayerische Politprominenz im Publikum, sondern eine auffallend diverse Mischung an Menschen unterschiedlichsten Alters und Herkunft (soweit man das vom Aussehen her überhaupt ablesen kann).
Diese Diversität ist sicherlich in Schafroths Sinne, denn er macht im Stück mehr als deutlich, wie sehr ihm das Einende wichtig ist. Er will seinem Publikum zeigen, dass alle im Grunde gleich sind, trotz unterschiedlicher Haltungen und Meinungen. Und so durchzieht die ehrliche Freude an Diskussion und (wohlwollendem) Streit das Stück wie ein roter Faden. An vielen Stellen ist die Stückentwicklung noch sichtbar, hier hätte ein dramaturgischer Feinschliff geholfen. Sehr oft wird die vierte Wand gebrochen und auf Metaebene über das Stück direkt mit dem Publikum gesprochen. Was das Publikum aufmerksam und involviert hält, geht auf Kosten des Spannungsbogens. Trotzdem ist der Abend geprägt von vielen Lachern, vielen Überraschungen und der Freude daran, dass ein solches urbayerisches und doch hochmodernes Stück den Weg auf die Schauspielhausbühne gefunden hat.
© Julian BaumannWachse oder weiche – Münchner Kammerspiele
Regie und musikalische Leitung: Maximilian Schafroth
Text: Maximilian Schafroth, Martin Valdés-Stauber
Wachse oder weiche – Programm – Kammerspiele
