Es werde Licht! – Rosalías neues Pop-Albumwunder LUX

Ganz selten einmal spürt man bereits beim ersten Hören eines neuen Albums dieses ganz spezielle Kribbeln wenn einem bewusst wird, dass man hier gerade die Erscheinung etwas sehr Besonderen miterlebt. Genau so ging es mir, also ich das neue Album LUX der katalanischen Sängerin Rosalía (Columbia Records 2025) hörte. Ihre Singleauskopplung Berghain lieferte bereits vor der Albumveröffentlichung eine Vorahnung darauf, dass Rosalía mit LUX einen originellen musikalischen Akzent setzen könnte. Denn Berghain wartet mit einer für Popmusik absolut überraschenden Kombination aus Symphonieorchester, großem Chor und einer opernhaften Gesangstechnik von Rosalía auf. (Auch wenn Freddy Mercurie und Montserrat Caballé mit ihrem Album Barcelona 1988 einen ähnlichen Fusion-Mix präsentierten.) Die mitreißend-deklamatorische Hook der Leadsingle „Seine Angst ist meine Angst, seine Wut ist meine Wut, seine Liebe ist meine Liebe, sein Blut ist mein Blut“ überrascht noch mehr, denn – ja, richtig gelesen – große Teile dieses Songs sind auf Deutsch! Dies hängt vermutlich mit der inspirativen Vorlage zusammen, welche niemand anderes als Hildegard von Bingen lieferte. Um zu begreifen, wie diese zwei scheinbar unvereinbaren Komponenten zusammenpassen, muss man etwas ausholen.

Der Albumtitel LUX (dt. Licht) und das Cover mit Rosalía in stilisierter weißer Nonnenkutte verdeutlichen bereits, dass Spiritualität das große Thema hinter dem Album ist. Während der Entstehungszeit beschäftigte sich die Sängerin nach eigener Aussage ausführlich mit den Weltreligionen und insbesondere mit spirituellen Frauenfiguren. Jeder Song widmet sich einer anderen solchen Figur (und so findet Hildegard von Bingen einen Weg in Berghain), bzw. einer anderen Schattierung von religiösem Glauben und Ausdruck. Unterstützt wird diese Reise durch die Weltreligionen von einem vielfältigen musikalischen Vokabular: Rosalía kombiniert Flamenco mit filmmusikalischen Klangflächen (La Yugular und La Rumba Del Perdón), Barockarien mit Balladen (Mio Cristo Piange Diamanti) und symphonische Tonsprache mit Elektropop (De Madrugá). Umfangreich ist auch die Auswahl an Sprachen, denn Rosalía singt unter anderem auf Spanisch, Deutsch, Italienisch, Portugiesisch, Ukrainisch und Arabisch. Was zunächst nach einer unstimmigen Mischung klingt, ist eine zutiefst überzeugende Produktion und ein spannendes popmusikalisches Werk, das auch nach dem x-ten Hören nicht seinen Reiz verliert.