Ich gebe es offen zu: Science-Fiction ist überhaupt nicht mein Genre. Raumschiffe, fremde Planeten, Laserwaffen – hier steige ich in aller Regel aus. Lyneham von Nils Westerboer hätte ich daher wohl nie zur Hand genommen, wäre der Autor nicht ein Freund aus Schulzeiten und ich schon sehr gespannt auf seinen neuen Roman den er mir mit dem Versprechen ankündigte, dass er auch für Menschen lesbar ist, die sonst nichts mit Science-Fiction anfangen können. Und was soll ich sagen: Er hat Wort gehalten. Lyneham hat mich restlos begeistert.
Lyneham ist weit mehr als klassische Science-Fiction
Dem Autor gelingt ein faszinierender Zukunftsroman, eine komplexe, spannende Geschichte voller überraschender Wendungen und tiefgründiger Themen. Die Menschheit steht am Rand ihrer Existenz, die Erde ist unbewohnbar geworden – und die Reise zu einer neuen Heimat – dem urzeitlichen Mond Perm – führt zu Fragen, die aktueller kaum sein könnten: Was bedeutet Menschlichkeit? Wie wollen wir zusammenleben? Welche Fehler machen wir immer wieder?
Trotz meiner Genre-Unkenntnis – oder vielleicht gerade deswegen – war ich überwältigt von der Intensität dieses Buches. Natürlich gab es Begriffe und technische Konzepte mit denen ich wenig anfangen konnte. Aber das hat dem Lesevergnügen keinen Abbruch getan, denn im Zentrum stehen nicht Technik oder abgefahrener Sci-Fi-Klischees sondern eine starke, packende Geschichte, Menschen, Entscheidungen, Gesellschaftsmodelle und große, philosophische Fragen. Was macht uns als Menschheit aus? Was nehmen wir mit, wenn wir alles hinter uns lassen? Und sind wir überhaupt in der Lage, aus den Fehlern unserer Vergangenheit zu lernen? Welches Herrschaftssystem übernehmen wir auf einer neuen „Erde“ und agieren wir nicht doch immer in denselben Machtstrukturen?
Komplexes Worldbuilding mit philosophischem Tiefgang
Nils Westerboer gelingt ein beeindruckendes Worldbuilding: Die Welt von Lyneham ist komplex, durchdacht und voller gesellschaftlicher, politischer und moralischer Spannungen. Der Autor entwirft eine vielschichtige Zukunft mit philosophischem Tiefgang, gesellschaftlicher Relevanz und emotionaler Wucht.
Ich habe die fast 500 Seiten in kürzester Zeit gelesen und war am Ende atemlos. Lyneham ist ein Roman, der bleibt – nicht nur durch seine Handlung, sondern durch die Gedanken, die er anstößt. Für Science-Fiction-Fans ist dieses Buch vermutlich ein Muss. Für alle anderen, die sich bisher nie an das Genre herangewagt haben, ist es eine ideale Einladung, es einmal zu versuchen.
Lyneham ist ein großer Wurf: spannend, tiefgründig, mitreißend. Ein Roman, der zeigt, wie vielseitig und literarisch anspruchsvoll Science-Fiction sein kann – auch (oder gerade) für Leserinnen und Leser, die das Genre eigentlich für etwas ganz anderes halten.
© Tanja GernetAuf einen Blick
Nils Westerboer: Lyneham
Klett-Cotta 2025 | 496 Seiten | ISBN: 978-3608987232
18 Euro
Hinweis:
Dieses Buch habe ich selbst gekauft. Es handelt sich um keine Kooperation oder bezahlte Werbung.
