Manche Abende bleiben für immer. Nicht nur als schöne Erinnerung, sondern als Erfahrung, von der man lange zehren kann. Der Samstagabend im Prinzregententheater war genau so ein Abend. Ein Geburtstagsgeschenk meines Mannes – und eines, das kaum hätte passender sein können: Lars Eidinger liest, spielt, singt Bertolt Brechts Hauspostille.
Wer Lars Eidinger schon einmal live auf der Bühne erlebt hat weiß, das ist ein Ereignis für sich. Doch dieser Abend war mehr als der Auftritt eines schauspielerischen Ausnahmetalents. Er war eine intensive Begegnung mit Brechts Lyrik – und überraschenderweise auch mit meiner eigenen Vergangenheit.
Bertolt Brecht begleitete mich intensiv während meiner Schulzeit am Gymnasium. Damals, in der Theater-AG und im Deutschunterricht eines Lehrers, der uns Brecht mit Leidenschaft vermittelte und damit auch mein Interesse fürs Theater weckte. Wir rezitierten Brechts Gedichte, arbeiteten an Betonungen, hörten Vertonungen – vieles davon schien über die Jahre verschüttet, vergessen und längst aus dem Sinn. Und doch: Als ich im Prinzregententheater saß, geschah etwas Unerwartetes. Gedichte wie Vom ertrunkenen Mädchen oder Vom armen B. B. tauchten plötzlich wieder auf. Wort für Wort. Ich konnte innerlich mitsprechen. Jahrzehntelang verborgenes Wissen war auf einmal wieder da. Ein faszinierender, beinahe berührender Moment.
Theater als physische Erfahrung
Lars Eidinger ist eine Ausnahmeerscheinung auf der Bühne. Mit einer unglaublichen Präsenz interpretiert er Brechts Texte sensibel, eindringlich, vehement, ja sogar körperlich. Er spricht, spielt, singt. Manche Töne hält er so lange und intensiv, dass man ihre Resonanz körperlich spürt: Vibrationen, die durch den Boden gehen und sich im ganzen Raum, im eigenen Körper fortsetzen. Theater als unmittelbare, physische Erfahrung.
Kongenial begleitet wurde er von Hans-Jörn Brandenburg, der Eidinger am Klavier, am Cembalo und am Harmonium unterstützte, manchmal sogar auf zwei Instrumenten gleichzeitig. Die Musik verstärkte den Ausdruck der Gedichte enorm, ohne sie jemals zu dominieren. Im Gegenteil: Brandenburgs musikalische Interpretationen riefen zusätzliche Empfindungen und Gedanken hervor, die den Texten eine neue Tiefe gaben. Worte und Klang standen in einem hochkonzentrierten Dialog.
Das Programm dauerte insgesamt etwa eineinhalb Stunden – eine Zeitspanne, die wie im Flug verging. Kein Moment fühlte sich lang an, das Zeitgefühl ging uns völlig verloren. Als der Abend endete, war man beinahe überrascht, dass bereits so viel Zeit vergangen war. Ein sicheres Zeichen dafür, wie sehr man hineingezogen wurde.
Augenblick verweile doch
Irgendwann im ersten Drittel der Inszenierung brach Eidinger plötzlich jäh mitten in einem Gedicht ab. Er hatte ein paar Zuschauer ausgemacht, die während der Veranstaltung ihr Telefon zückten und offenbar Fotos machten. Ein Hinweis, dass Fotografieren verboten ist erfolgte explizit vor der Vorstellung. Eidinger dozierte minutenlang darüber, warum dies ein Problem für ihn und andere Künstlerinnen und Künstler darstellt und was dies über das Glück des Augenblicks aussagt. Diesen könne man nicht auf einem Foto festhalten. Im Gegenteil – der Augenblick vergeht, was man festhalten wollte lässt sich nicht auf dem Foto erkennen. Der Moment – das Momentum ist dahin. Ganz nach dem Motto: Augenblick verweile doch. Auch hier war Eidinger nicht eitel oder belehrend. Es wirkte passend in den Abend eingebettet- der Brechtschen Lyrik zugehörig. Konzentration auf höchstem Niveau – für den Schauspieler wie fürs Publikum.
Wie hältst Du es mit der deutschen Nationalhymne?
Besonders eindrücklich blieb mir die Zugabe im Gedächtnis. Mit Brechts Kinderhymne öffnete Eidinger den Abend bewusst in die Gegenwart. Er ordnete sie in unsere heutige Zeit ein und stellte eine unbequeme, aber notwendige und kluge Frage:
Warum haben wir in Deutschland eigentlich immer noch dieselbe Nationalhymne – und singen sie lediglich ohne die dritte Strophe? Was sagt das über unseren Umgang mit unserer Geschichte aus? Und was ist das für ein Armutszeugnis für unsere Demokratie?
Eidinger verband die Rezitation der Kinderhymne mit einem eindringlichen Plädoyer, darüber nachzudenken. Brechts Systemkritik wurde so nicht historisch verhandelt, sondern konsequent in die Gegenwart übertragen. Genau darin lag die Kraft dieses Moments: Brecht als weiterhin wichtiger politischer Denker unserer Zeit.
Das Prinzregententheater
Hinzu kam der Ort selbst: mein erster Besuch im Prinzregententheater. Der Bau, errichtet 1900–1901 nach dem Vorbild des Richard-Wagner-Festspielhauses, beeindruckt durch seine prunkvolle Architektur und den Aufbau als Amphitheater mit eigenen kleinen Logen. Ein Raum, der diesem Abend mehr als gerecht wurde.
Dieser Abend war beeindruckend, grandios und sicherlich unvergesslich. Ich habe Brecht neu entdeckt, Erinnerungen wurden wachgerufen, Gegenwart reflektiert. Lars Eidinger sollte – nein, MUSS man einmal im Leben gesehen haben. Wegen seiner unglaublichen Präsenz. Wegen seines Talents. Und wegen der Gedanken, die einen noch lange begleiten.
Auf einen Blick
Veranstalter: Bell’Arte Konzertdirektion Dr. Schreyer
Veranstaltungsort: Prinzregententheater
Hinweis:
Den Eintritt haben wir selbst bezahlt. Es handelt sich um keine Kooperation oder bezahlte Werbung.
