Bilder im Kopf oder vom Drehbuch zum Roman – ein Gespräch mit Carolin Otto

Carolin Otto kommt eigentlich vom Film. Als Drehbuchautorin und Filmemacherin (u.a. Der Weiße Rabe – Max Mannheimer) hat sie über 30 Jahre in Bildern erzählt, bevor sie im vergangenen Jahr mit Berchtesgaden ihren ersten Roman im Lübbe-Verlag vorlegte. Dieser erzählt von den letzten Kriegstagen im Mai 1945 in Berchtesgaden und beleuchtet wie durch ein Brennglas das Schicksal einzelner Figuren.

Anlässlich des 80. Jahrestages des Kriegsendes entwirft Otto ein eindringliches Bild einer Gesellschaft zwischen Verdrängen und Erwachen. Berchtesgaden erzählt von Momenten, in denen Geschichte kippt und private Schicksale sichtbar werden. Sie schreibt über Schuld und Neubeginn vor einer historisch besonders aufgeladenen Kulisse.

Das Außergewöhnliche an Ottos Debütroman: die Autorin verwebt auf eindrucksvolle Weise aufwendig recherchierte historische Figuren mit fiktiven Elementen. Dies macht Geschichte besonders lebendig, greifbar und emotional erfahrbar. Beim Lesen des Buches erscheinen fast durchweg Bilder vor dem eigenen innerlichen Auge – hier kommt die langjährige Erfahrung der Drehbuchautorin bei der Beschreibung einzelner Szenen deutlich zum Vorschein.

Vergangene Woche habe ich Carolin Otto im Münchner Literaturhaus getroffen und mit ihr über das Schreiben gesprochen: über ihren Weg vom Drehbuch zur Prosa, über die Suche nach Stoffen und über die Frage, warum dieser Ort, diese Zeit und diese Geschichte nach einem Roman verlangten. Am Montag, den 02.02.2026, erscheint Berchtesgaden erstmals als Taschenbuch.

Liebe Carolin Otto, als erste Frage vorweg: Wie sind Sie denn generell zum Schreiben gekommen?

Ich habe schon immer sehr gerne geschrieben, auch in der Schule. Danach habe ich ein Volontariat bei einer Zeitung in Düsseldorf gemacht und angefangen, journalistisch zu schreiben. Zuerst waren es nur so kleine Tagestipps und irgendwann habe ich meinen ersten richtigen Artikel geschrieben. Der ging über ein Pferd, das ich zum Schlachthof gebracht habe und was Pferdefleisch essen bedeutet. Der Artikel ist ziemlich gut geworden, sehr lustig und sehr traurig. Danach habe ich dann immer weiter für die Zeitung geschrieben und gleichzeitig studiert. Und irgendwann habe ich dann an der Filmhochschule studiert. Das kam, weil eine Freundin- eine Redakteurin – zu mir gesagt hat, das wäre doch ewas für dich, Dokumentarfilm. Ich habe mich beworben und bin hier in München genommen worden. Ich habe mich währenddessen schon für das Drehbuchschreiben interessiert, wobei mir, glaube ich, gar nicht so klar war, was Drehbuch schreiben eigentlich heißt.

Es ist nämlich was ganz anderes als Artikel oder Romane, Prosa, zu schreiben. Ein Denken von dramatischer Handlung in abgeschlossenen Szenen. Das habe ich dann gelernt und als Drehbuchautorin gearbeitet. Ich hatte aber immer den Wunsch, dass ich einen Roman schreibe. Wenn man aber gut Geld verdient und im Filmbusiness drin ist, ist es nicht so leicht sich hinzusetzen und einen Roman zu schreiben. Dann habe ich, als ich irgendwann sehr frustriert war über die Filmbranche, gesagt, so jetzt ist der Moment, dass ich meinen ersten Roman schreibe.“

Warum haben Sie sich beim Stoff für Berchtesgaden nicht für ein Drehbuch sondern für einen Roman entschieden?

„Ich hatte in Berchtesgaden für eine Fernseh-Serie recherchiert – für Lena Lorenz – und habe angefangen mich mit dem Ort und seiner Geschichte zu beschäftigen und das Dokumentationszentrum besucht. Die haben eine sehr schöne Ausstellung zum Thema Berchtesgaden als Idyll und Täterort. Ich habe mir Gedanken gemacht, was genau mich daran interessiert und kam in diese Nachkriegszeit, wie die Leute mit der Situation umgegangen sind. Dann sind mir historische Personen begegnet, als ich angefangen habe zu recherchieren, ich habe interessante Akten und Berichte dazu gelesen und mich hat vor allem interessiert, wie diese Verhöre von politischen und normalen Kriminalfällen durch die Amerikaner geführt wurden.

Am Ende ist das aber damals keine Serie geworden, da mir kein guter Vertrag dafür angeboten wurde. Ich wollte das zu dem Zeitpunkt aber natürlich nicht alles hinwerfen, es steckte schon so viel Arbeit und Recherche darin und so kam das dann zu meinem ersten Roman. Die Filmrechte sind jetzt übrigens wieder optioniert.“

Woher nehmen Sie die Ideen für neue Stoffe und Geschichten?

„Also eigentlich geht es darum, dass man so durch die Welt läuft und sich Sachen genau anschaut und Menschen kennenlernt und Bücher liest und Themen findet, also irgendwie eigentlich nur aufnehmen, was so da ist um einen herum. Also grundsätzlich habe ich auch immer mehr Ideen, als ich Zeit hätte diese zu entwickeln. Eine tolle Übung dafür sind auch Bildbeschreibungen, das hilft sehr wenn man sowas macht. Dann fängt man an und es erschließt sich einem der Sinn von etwas, was man sieht, selbst einfach nur darüber, genau hinzuschauen, was da zu sehen ist. Da kommen die Geschichten ganz von allein. Also gut zu beobachten, das ist das Wichtigste. Man findet die Geschichten eigentlich da draußen überall im wahren Leben.

Auf einen Blick

Carolin Otto: Berchtesgaden
Bastei Lübbe | 544 Seiten | ISBN: 978-3-404-19636-4
13 Euro

Über Carolin Otto:
Carolin Otto ist Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin. Sie studierte Dokumentarfilm und Drehbuchschreiben an der Münchner Filmhochschule und promovierte an der Bauhaus-Universität Weimar in Freier Kunst über das Thema Drehbuchschreiben. Sie arbeitete als Drehbuchautorin unter anderem für Polizeiruf, Tatort, Bulle von Tölz, München 7 und den ZDF-Zweiteiler Bier Royal. Aktuell arbeitet sie an diversen Projekten. Sie ist Autorin, Regisseurin und Produzentin der Kinofilme Aphrodites Nacht und Der Weiße Rabe. Von 2007 bis 2015 war sie Vorstandsmitglied des Verbands Deutscher Drehbuchautoren, von 2009 bis 2013 Leiterin der Drehbuch-Förderkommission der FFA, seit 2013 Vorstandsmitglied des FSE (Federation of Screenwriters in Europe) und seit 2019 FSE-Präsidentin. BERCHTESGADEN ist ihr erster Roman.(www.carolinotto.de).