Es ist eine Frage, die vermutlich viele beschäftigt: Wie kann man angesichts der Klimakrise noch Menschen in die Welt setzen? Wie kann man neuen Wesen einerseits die Folgen der Klimakrise zumuten und andererseits mit den durch die Geburt des Kindes entstehenden Umweltkosten die Klimaveränderungen weiter antreiben? Marisa Becker macht es sich nicht gerade einfach, wenn sie zwei hochpolitische und zugleich höchst individuell zu entscheidende Themen miteinander verbindet: das Kinderkriegen und den Klimawandel.
Mit ihrem Buch Liebe Wilhelmine oder Plädoyer fürs Kinderkriegen in der Klimakrise (Kjona Verlag 2026) wird Becker vermutlich anecken: bei Klimaschützer:innen, Pronatalist:innen, Antinatalist:innen und „unpolitischen“ Menschen (falls es sowas überhaupt gibt) gleichermaßen und dennoch auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Denn wie kann man eine so große, intersektionale Fragestellung wie Kind und Klima auf knapp 100 Seiten klären? Gar nicht, und das versucht Becker auch nicht abschließend. Stattdessen wählt sie eine sehr persönliche Argumentationsperspektive, indem sie sich an ihre eigene Tochter wendet und viel aus ihren Gedankengängen als Mutter preisgibt. Gespickt mit vielen Verweisen auf wissenschaftliche Forschung (Fußnoten sieht man in diesem Kontext immer sehr gerne) gibt sie ihrer eigenen Perspektive mehr Dimension. Sie entlarvt Mythen wie die zur „Überbevölkerung“ und zeigt Optionen auf, wie wir die nächste Generation auf Umweltkampf und Innovationskreativität vorbereiten können. Dass dies alles trotzdem etwas flach und naiv klingt, mag nur daran liegen, dass vieles schon oft gesagt und gehört wurde. Aber wenn Beckers Buch eine Zielgruppe erreicht, die sich noch nicht eingehend mit den Themen beschäftigt hat, wirken ihre hoffnungsstarken Ausführungen sicherlich energetisierend.
Beckers Liebe Wilhelmine reiht sie sich ein in die Briefe an die kommenden Generationen, in denen sich schon Autor:innen wie Mareike Fallwickl oder Linus Giese geäußert haben. Nach Briefen zu Feminismus, Zuversicht, Selbstbestimmung und Hoffnung bildet Beckers Buch eine sinnvolle Erweiterung, auch deshalb, weil die Thematik unbequem und richtungsweisend zugleich gesehen werden kann. Man fragt sich gespannt, welcher Frage sich der Kjona Verlag als nächstes stellt, hofft aber zugleich, dass man preislich wieder zu den Vorgängerbänden zurückgehen möge, damit die Essays wieder erschwinglicher werden. Denn sonst mögen sich potentielle Leser:innen vielleicht eher für kostenfreie Videoessays oder Podcastfolgen entscheiden.
© Franziska WeigertAuf einen Blick:
Marisa Becker, Liebe Wilhelmine oder Plädoyer fürs Kinderkriegen in der Klimakrise
Erschienen am 17.03.2026 im Kjona Verlag | 96 Seiten | ISBN: 9783910372719
20 Euro
Hinweis:
Das Buch wurde uns vom Verlag als Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt.
