Dies ist nicht nur eine Buchempfehlung – es ist eine Liebeserklärung sowie ein Aufruf, Fantasy Bücher zu lesen! Nicht nur, aber besonders an Frauen; weil man manchmal in der realen Welt nicht weiterkommt, als Ehefrau, Mutter, Tochter, Angestellte … und man sich einfach für kurze Zeit vorstellen mag – was wäre, wenn?
Was wäre, wenn nur Frauen regieren dürften? Wenn es Männern körperlich nicht möglich wäre, Frauen zu vergewaltigen? Wenn ich als Frau jeden Beruf erlernen könnte, den ich mir vorstellen kann? Wenn ich so stark wäre, dass mir kein Bär im Wald etwas anhaben könnte? Wenn Freundschaften und Bünde bestehen würden, die sofort zur Unterstützung angeflogen kämen, wenn ich sie telepathisch rufen würde? Wenn ich in der Nacht durch die Stadt laufen, fliegen, schweben könnte, ohne Angst? Wenn mein Wort einmal Macht hätte, ohne wenn und aber?
Reckless war mein erstes Fantasy Buch, das erste Mal gelesen mitten im ersten Lockdown, in einem von der Oma geerbten Haus und Sessel, mit Blick auf einen dichten Fichtenwald, Vögel und ganz viel Ruhe. Ich glaube, nur wegen dieser Bücher (es gibt vier Bände, bald Band Nummer fünf), konnte ich die überstürzte Abreise meiner Familie aus den USA mitten in der Pandemie überstehen. Genauso wie die Autorin dieses fantastischen Buches, die ebenfalls aus den USA wegen der anhaltenden Waldbrände geflüchtet war und nun in Italien lebt.
Jeder der vier Bände der Spiegelwelt-Reihe kreist um die Märchen eines anderen Kulturkreises: Zentraleuropa (v.a. Deutschland), Zentraleuropa (Frankreich und England), Osteuropa (Russland), Ostasien (Japan). Was würde ich nicht alles tun, um einmal selbst durch den Spiegel gehen zu können, um ein Land neu zu entdecken und auf Schatzsuche zu gehen wie Jacob Reckless, mich jederzeit in einen Fuchs verwandeln zu können, meine Feinde tief unter der Erde in ein Goylgefängnis zu werfen oder eine kinderfressende Hexe in ihrem Lebkuchenhaus auszutricksen. Funke sagt selbst, sie glaube nicht an einen einsamen Helden: immer sind da Freunde und Gleichgesinnte an seiner Seite, mit denen er gemeinsam gegen den Blaubart kämpft (bekannt durch Charles Perraults Märchen aus 1697, das von einem wohlhabenden Ritter mit blauem Bart stammt, der seine Ehefrauen ermordet, wenn sie ein verbotenes Zimmer öffnen) oder gegen das Schneiderlein im Wald (keineswegs tapfer, sondern sadistisch und monströs). Themen wie Neugier, Gehorsam und zerstörerische Männlichkeit – wer hatte nochmal gesagt, Fantasy hätte nichts mit der Realität zu tun? Bei Funke jedoch wird das Böse niemals verherrlicht!
„Wer hat denn etwas gegen die Flucht außer der Kerkermeister?“ J.R.R. Tolkien
Das kann man nur fragen, wenn man ein seltsames Verhältnis zur Wirklichkeit hat. Unsere Wirklichkeit ist so fantastisch, dass man ihr nur mit Fantasy näherkommt, so Funke.
„Wir sitzen auf einem Planeten, der sich um einen Feuerball dreht. Das ist die Wirklichkeit. Über uns am Himmel explodieren ferne Sonnen. Das ist die Wirklichkeit. Wir sind so gut darin, nur unsere unmittelbare menschengemachte Realität wahrzunehmen und alles, was daran kratzt, auszublenden, einschließlich unserer eigenen Sterblichkeit. Fantasy ist ein Mittel, über all die Schichten unserer Wirklichkeit zu reden, denn unsere Welt ist wahrhaft fantastisch in ihrer unendlichen Komplexität. Der Zuckerguss ist das, was wir oft Wirklichkeit nennen, die Fantasy handelt von der Torte darunter. Fantasy liefert die Substanz der Welt.“, schreibt sie.
„Die Deutschen hätten Angst vor dem Fantastischen, seit die Faschisten all unsere Mythen, all unsere Märchen benutzt haben.“
Nur wenn wir uns andere Welten vorstellen können, können wir diese Welt in Frage stellen! Nationalismus und Rassismus sind ein globales Problem. Dagegen müssen wir uns alle aktiv wehren. Es ist falsch, die Ängste der Menschen den Rechten zu überlassen. Jeder von uns hat diese Ängste vor dem Fremden.
Da hilft nur eines, Freunde – lesen und schreiben gegen die Wut!
© K wie Kultur e.V.Auf einen Blick:
Cornelia Funke: Reckless Band 1-4
Erschienen 2010 im Dressler Verlag GmbH | ISBN: 978-3-7915-0095-0
16 Euro
Von der Autorin empfohlen ab 16 Jahren.
