Ganz normaler Alltag beim Älterwerden? „Wie du mich ansiehst“ von Eva Lohmann

Eva Lohmann erzählt in Wie du mich ansiehst die Geschichte von Johanna, die sich in dieser Phase ihres Lebens vielen Lebensfragen gegenüber sieht und diese im wahrsten Sinne des Wortes auch spürt. 

Johanna ist knapp über 40, verheiratet mit Hendrik, gemeinsam haben Sie eine 15-jährige Tochter (Rosa). Sie hat einen eigenen Blumenladen und neuerdings auch eine Angestellte (Ruby). Die Eltern von Johanna sind seit Jahren getrennt und vor kurzem ist ihr Vater gestorben, den sie sehr vermisst – zu ihrer Mutter hat sie zwar Kontakt, aber scheinbar keinen so vertrauten, wie sie ihn mit ihrem Vater hatte. Ihr Vater hat ihr einen Garten hinterlassen, mit dem sie viele schöne Erinnerungen verbindet – allerdings nur sie selbst. Ihr Mann ist Kapitän auf einem Schiff der Marine und nur abschnittsweise zuhause – manchmal monatelang nicht. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein: er, der durch das Militär getrimmte Perfektionist und Ordnungsliebhaber, sie die (vermeintlich) chaotische in den Tag hineinlebende und das Leben (alleine) gerade so auf die Reihe bringende Geschäftsfrau. Er, der asketisch lebende Mann, der zwar älter wird, aber dennoch (berufsbedingt) top trainiert ist, sie, die „normal alternde“ Frau, die mit dem „realistischen“ Leben zu Hause und vor Ort konfrontiert ist.

Unaufgeregte Sprache zu schwierigen Lebensfragen

Die Autorin versteht es, mit ihrem sehr unaufgeregten und flüssigem Schreibstil, der manchmal fast beiläufig wirkt, ein wirklich gelungenes Alltagsportrait zu zeichnen, und es werden – wie es halt so ist, im Leben – sehr viele Dinge angesprochen, aber nicht immer zu Ende diskutiert oder gedacht. Es geht um Verlust (Vater), loslassen (Tochter), Partnerschaft (Ehemann), Umgang mit dem Altern (Botox, „fuckable“ zu bleiben), Krankheiten (Krebs) und die Herausforderung mit all „dem Leben“ die meiste Zeit alleine umzugehen – und sich dabei ein Selbstwertgefühl zu bewahren. Johanna lässt sich beispielsweise zum ersten Mal in Ihrem Leben Botox spritzen, um die Zornesfalte, die sie von ihrem Vater geerbt hat, verschwinden zu lassen; und niemand merkt es, allen voran ihr Mann nicht. Und dennoch gerät sie einerseits in einen Strudel immer mehr davon zu wollen und andererseits in einen Konflikt, was lebe ich da meiner Tochter vor, der ich immer das Gegenteil (es kommt auf die Inneren Werte an!)gepredigt habe?

Eva Lohmann beschreibt, regt zum Nachdenken an und lässt doch einiges an Interpretationsspielraum. So kann man beispielsweise den oft sehr lange abwesenden und sehr konträren Ehemann als Metapher für einen stereotypen Ehemann sehen, der die Care-Arbeit allein seiner Frau hinterlässt. Da ist es egal, warum der Ehemann und Vater nicht bei der Einschulung der Tochter dabei ist – wegen eines „wichtigen“ Management-Meetings oder weil er auf hoher See ist, ist unerheblich. Nachdenkliche Momente entstehen vor allem durch nahezu philosophische Gedanken: man weiß meistens, wenn man etwas zum ersten Mal macht, meistens aber nicht, wenn man etwas zum letzten Mal macht. Ein sehr tiefgreifender Gedanke, dem man lange nachhängen kann.

So viel wie das echte Leben

Nur selten hat man bei der Lektüre das Gefühl, dass es ein wenig viel wird – mir ging es so, als bei Johanna auch noch Krebs diagnostiziert wurde; und sie, wie selbstverständlich, völlig alleine mit dieser Situation umgeht, sie durchsteht und letztlich auf sich selbst nicht einmal Rücksicht nimmt. Das hätte es, aus meiner Sicht, nicht gebraucht, um die Protagonistin ausreichend zu zeichnen und ihr Umfeld lässt dazu auch keine Notwendigkeit erscheinen.

Ein Roman, der leise daherkommt, aber tiefe Gedanken transportiert und zum Nachdenken anregt – und seine Wirkung erst nach einiger Zeit voll entfaltet.

© Michael Gernet

Auf einen Blick:
Eva Lohmann: Wie du mich ansiehst.
Eisele Verlag 2026 | 240 Seiten | ISBN: 9783961612802
15 Euro


Hinweis:
Dieses Buch wurde uns vom Eisele Verlag freundlicherweise als kostenfreies Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.