Unterwasserblau von Petra Hucke: Stille Oberfläche und emotionaler Abgrund

Ein ganz besonderes Highlight gab es für mich schon im Vorfeld dieser Lektüre des neuen Romans von Petra Hucke: Auf der Buchmesse hatte ich die Gelegenheit, die Autorin persönlich am Stand des Eisele Verlags zu treffen. Diese Begegnung hat meine Neugier auf den Roman geweckt. Ich hatte ihn daher, als gemeinsame Lektüre für unseren Lesekreis vorgeschlagen.

© Tanja Gernet

Manche Bücher spalten – und dann gibt es Bücher, die einen Lesekreis regelrecht zerreißen. Unterwasserblau gehört für uns ganz klar zur zweiten Kategorie. Selten gingen bei uns die Meinungen zu einer gemeinsamen Lektüre so weit auseinander wie bei diesem schmalen, aber intensiven Roman.

Während ein Teil unserer Runde das Buch frühzeitig abgebrochen hat, ihnen war die Geschichte zu vage, zu ruhig, zu langweilig und die Figuren zu unsympathisch, war die andere Hälfte tief beeindruckt. Ich selbst zähle zu Letzteren: Mich hat dieser Roman auf eine leise, aber nachhaltige Weise berührt und beschäftigt.

Wenn das Leise laut wird und sich emotionale Abgründe auftun

Schon auf den ersten Seiten entfaltet sich eine unterschwellige Spannung. Ein anfängliches Sommeridyll mit der Schwiegerfamilie wird jäh durch den Tod des Vaters unterbrochen – ein Moment, der die Protagonistin zurück in ihr eigenes familiäres Geflecht zwingt. Schnell wird deutlich: Diese Familie ist geprägt von Brüchen, Verletzungen und einer kaum auszuhaltenden emotionalen Kälte.

Besonders die Beziehung zur Mutter ist schwer zu ertragen. Ihre Härte, ihre Grausamkeit im Umgang mit der eigenen Tochter – das geht nahe. Gleichzeitig gibt es eine große Schwester, zu der das Verhältnis distanziert und belastet ist. Und dann ist da noch die Abwesenheit der Zwillingsschwester, die sehr früh als Kleinkind gestorben ist – ein Schatten, der über allem liegt.

Die Autorin zeichnet diese Dynamiken mit einer Intensität, die stellenweise fast schmerzhaft ist. Und genau darin liegt für mich eine große Stärke des Buches: Es zwingt einen nicht, hinzusehen – aber wenn man es tut, lässt es einen nicht mehr los.

Zwischen zwei Welten

Spannend ist auch der Kontrast zur Familie des Ehemanns. Nach außen wirkt sie wie das Idealbild einer funktionierenden, liebevollen Gemeinschaft – eine Art „Wahlfamilie“, nach der sich die Protagonistin sehnt. Doch auch hier wird schnell klar: Diese Perfektion ist Fassade.

Das Spiel mit Schein und Sein zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman. Die Protagonistin bewegt sich zwischen diesen beiden Welten – und verliert dabei zunehmend den Halt. Ihre Entscheidungen und ihr Verhalten, die auch destruktiv wirken können, erscheinen dabei fast wie ein Versuch, sich selbst zu bestrafen oder einer inneren Logik zu folgen, die sich erst nach und nach erschließt.

Figuren, die einen herausfordern

Ein häufiger Kritikpunkt in unserer Runde: die Figuren. Viele empfanden sie als unsympathisch, schwer zugänglich, kaum identifikationsfähig. Und ja – das stimmt. Aber vielleicht ist genau das der Punkt.

Denn Unterwasserblau zeigt keine idealisierten Menschen. Es zeigt verletzte, widersprüchliche, manchmal unangenehme Figuren – so, wie sie in der Realität eben oft sind. Für manche Leser*innen war das zu viel Distanz, für andere genau das, was den Roman so authentisch macht.

Ein Teilnehmer beschrieb das Buch als so nah an seinen eigenen Familienerfahrungen, dass es kaum auszuhalten war. Das zeigt, wie tief dieser Text gehen kann – und dass er durchaus triggern kann, wenn man ähnliche Familienstrukturen erkennt.

Der Stil: Plätschernd und fließend wie Wasser

Was einige als „dahinplätschernd“ empfanden, habe ich als bewusstes Stilmittel gelesen. Der Text fließt – ruhig, gleichmäßig, fast unaufgeregt. Und gerade dadurch entsteht eine Sogwirkung.

Wie der Titel schon andeutet, erinnert vieles an das Element Wasser: ein stetiges Fließen, unter dessen Oberfläche sich Strömungen, Spannungen und Abgründe verbergen. Vieles wird nicht ausgesprochen, sondern liegt zwischen den Zeilen – und genau das macht den Reiz aus. Die Protagonistin Jessica forscht über Kieselalgen. Diese sind mit bloßem Auge kaum wahrnehmbar und haben filigrane, fast zerbrechliche Strukturen. Eine unfassbar treffende Analogie zu den Verflechtungen und Strukturen im Leben der Protagonistin. Je genauer der Blick auf das Geschehen, desto schmerzhafter die Erkenntnis.

Ohne zu viel vorwegzunehmen: Der Roman hält am Ende einen Plottwist bereit, der überraschend kommt und einen wirklich mitnimmt.

Fazit: Ein Buch, das polarisiert – und genau deshalb lesenswert ist

Unterwasserblau ist nicht für jede*n geeignet. Der Roman fordert Geduld, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf Zwischentöne und Ungesagtes einzulassen. Wer eine klare Handlung, schnelle Spannung und sympathische Figuren sucht, wird hier möglicherweise nicht fündig.

Wer jedoch feinsinnige, hintergründige Literatur schätzt, die sich mit familiären Abgründen, Identität und inneren Konflikten auseinandersetzt, könnte hier ein kleines, aber eindringliches Highlight entdecken. Unser Lesekreis war jedenfalls selten so uneins – und vielleicht ist genau das das größte Kompliment, das man einem Buch machen kann.

Auf einen Blick

Petra Hucke: Unterwasserblau
Eisele Verlag 2026 | 256 Seiten | ISBN: 978-3-96161-283-3
24 Euro


Hinweis:
Das Buch wurde uns vom Verlag als Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt.