In ihrem neuen Buch „Feine Risse“ erzählt Elisa Hoven die Geschichte von Eva Herbergen weiter – einer Anwältin aus Berlin, Anfang 60, die im Vorgängerband „Dunkle Momente“ eigentlich entschieden hat, ihre Anwaltszulassung zurückzugeben.
Leidenschaft für den Beruf
Zum Glück macht sie das nicht. Eva Herbergen ist einem ans Herz gewachsen, man erlebt sie in der Geschichte als Mensch, „wie Du und ich“. Selbstverständlich erhält man den Eindruck, dass die Arbeit als erfolgreiche Anwältin sowohl im Lebensstil, in ihren Kontakten als auch in den Mandant*innen ihre Spuren hinterläßt – dennoch gelingt es Elisa Hoven vortrefflich, den Charakter so zu zeichnen, dass man (große) Sympathie entwickeln kann – ganz anders als in sehr bekannten anderen Büchern dieses Genres, in denen (mittlerweile) die Eitelkeiten der Protagonisten und gesellschaftlichen Sphären in denen sie sich bewegen, eine gänzlich andere Abstraktionsebene schaffen und wenig Raum für Identifikation lassen. Auch ingesamt beschreibt die Autorin die handelnden Charaktere sehr trefflich, so dass man von Beginn an einen sehr guten Eindruck bekommt, mit was für einem Menschen man es zu tun hat: „Aber Wolf stellt keine Fragen, an deren Antworten er nicht interessiert ist. Aus Prinzip nicht, dafür ist ihm seine Zeit zu knapp.“
Verbrechen sind keine Privatsache
Elisa Hoven ist Juraprofessorin in Leipzig, sie lehrt Recht – das merkt man in den Texten und Geschichten. Ich finde, ein klassischer Roman, so wie es vom Verlag bezeichnet wurde, ist es nicht – es sind vielmehr Kurzgeschichten, die miteinander verwoben sind. Jeder hat eine Meinung und ein Gefühl zu unserem Recht und unseren Gesetzen, zur Rechtsprechung und vor allem zum Thema Gerechtigkeit – letzteres ist der Aspekt, mit dem jeder von uns in Berührung kommt. Genauso, wie die Frage, ob das Recht die Wahrheit sehen oder aufdecken kann. Oder ob auch eine Lüge der Wahrheitsfindung dienen kann. Das ist für den weit überwiegenden Anteil der Bevölkerung so, für die, die sich nicht von Berufswegen her damit befassen. Das Recht erlaubt uns einen Handlungsrahmen, der unser Zusammenleben als Gesellschaft ermöglicht, aber dieser Rahmen wird durch menschliches Verhalten immer wieder an seine Grenzen gebracht. Das Verhalten und Empfinden der Menschen ist nun mal leider nicht – wie Jurist*innen das im Idealbild vielleicht gerne hätten – schwarz/weiß, sondern vor allem durch sehr viele Grauschattierungen geprägt: eben menschliches Handeln im Rechtsraum. Da kann man direkt ins philosophieren kommen, wer denn nun Recht hatte: Aristoteles oder Rousseau? Oder gar Hobbes?
Recht führt nicht automatisch zu Gerechtigkeit – und ist dafür auch nicht gemacht
Durch die Anlehnung an aktuelle Rechtsfälle (scharfe Patrone am Filmset, Bergführer der Geführten „verliert“, Fahrerflucht, Selbstjustiz) schafft die Autorin eine Nähe zu diesen Gedanken um Recht und Gerechtigkeit – und das ist, aus meiner Sicht, etwas richtig Gutes. Beim heutigen gesellschaftlichen Diskurs wird immer deutlicher, dass die Menschen ein Gespür für die Bedeutung dieses – unseres – rechtlichen Rahmens verlieren, sie immer weniger Bezug dazu haben. Hier einen Beitrag zu leisten, dass sich Menschen wieder Gedanken machen, richtig und falsch abwägen und das eigene Empfinden und die Schlüsse daraus in den Kontext stellen – das ist etwas wert. Vor allem die letzte Geschichte des Bands, in der es um eine Kindesentführung geht, zeigt die wahren Grenzen des Rechts auf, die Schwierigkeit der Abwägung von Leben. Die Rezensionen des vorherigen Werks von Elisa Hoven, Dunkle Momente, die durch andere Rechtsprofessoren verfasst wurden, zeigen hingegen deutlich den Gap zwischen der Rechtswissenschaft und dem „echten Leben“ – hier leistet Elisa Hoven gute Dienste, die Menschen wieder näher an das Thema zu bringen.
Das Buch zieht einen in seinen Bann, von der ersten Seite an – man muss, sobald man eine Geschichte gelesen hat, sofort mit der nächsten beginnen, obwohl man eigentlich über die andere noch nachdenken müsste/wollen würde. Dadurch kann man auch getrost über kleinere Ungereimtheiten (eine Box, 60x50x45 Zentimeter, die in einem Rollkoffer ins Büro gebracht wird – wie groß ist denn bitte der Koffer?; die Protagonistin stellt sich unter, um dem Regen zu entgehen – dann läuft sie mit ihrem Mann an den Strand, der klappt ein Buch im Gehen auf und liest etwas vor – auf der Heimfahrt setzt der Regen ein…; ein Entführer fordert „kleine Scheine“, gepackt wird ein Koffer mit Hunderter- und Fünfhunderter-Scheinen (die gibt’s doch gar nicht mehr?) und wirklich „sehr zufällige“ Zufälle hinwegsehen. Elisa Hoven gelingt mit „Feine Risse“ eine lesenswerte Fortsetzung, die mit Cliffhangern zwischen den Kapiteln die Leser*innen fesselt – und eine Brücke zur nächsten Fortsetzung gibt es auch – ich freu mich drauf!
Auf einen Blick:
Elisa Hoven: Feine Risse
S. Fischer Verlage 2026 | 288 Seiten | ISBN: 978-3-10-397751-6
22 Euro. Erscheinungstermin: 27.05.2026

Hinweis:
Dieses Buch wurde mir vor dem Erscheinunsgtermin vom S. Fischer Verlag freundlicherweise als kostenfreies Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.
