Angst vor Männern – Über den Alltag von Frauen

Kürzlich stach mir in der Buchhandlung eine Reihe von Büchern eines mir bislang unbekannten Verlages ins Auge: Wasser Publishing. Wunderschön gestaltete Cover mit verschiedenen Essays ausschließlich von Frauen. Der Essay von Nicole List – Angst vor Männern – wanderte direkt in meinen Einkaufskorb.

„Ich habe nicht aufgehört, an die Liebe zu glauben – ich habe nur aufgehört zu glauben, dass Liebe zu Männern ungefährlich ist.“

Der Klappentext macht eindringlich deutlich, mit was sich Nicole List in ihrem Essay auseinandersetzt. Von der ersten Seite an beschreibt sie den Alltag von Frauen. Dem täglichen Sexismus, den Übergriffen und der Gewalt, der sie ausgesetzt sind. Auf 135 Seiten erzählt die österreichische Autorin von ihren Erfahrungen, die sie mit Männern machen musste. Beginnend im Jugendalter und endend mit Erfahrungen häuslicher Gewalt als junge Frau.

„Ich hasse Männer nicht. Ich habe Angst vor ihnen.“

Direkt zu Beginn stellt List klar, dass es ihr nicht um Männerhass geht. Sie hat schlichtweg Angst vor ihnen. Lists Essay beschreibt keine abstrakte Theorie, sondern sie schildert diese Angst anhand konkreter Situationen. Jedes Kapitel wird mit einer alltäglichen Grenzüberschreitung eingeleitet. Sexualisierte Kommentare, vermeintliche „Komplimente“, ungefragtes Anfassen, Männer, die sie auf dem Nachhauseweg verfolgen, Angst im öffentlichen Raum. Die Stärke liegt für mich genau in diesen alltäglichen Situationen, in denen sich jede Frau sofort wieder erkennt. Ich könnte auch aus dem Stand mehrere solcher Situationen wiedergeben.

Nahezu immer trage ich einen Schlüssel zwischen meinen Fingern, wenn ich im Dunklen nach Hause gehe. Egal ob in der Großstadt oder auf dem Dorf. Nahezu täglich erlebe ich, wie Männer sich in der S-Bahn breit machen, zwei Plätze auf einmal einnehmen, sich absichtlich eng an mir vorbeidrücken, sich an mir reiben, sich unnötig dicht neben mich setzen. Wie oft habe ich schon ein Telefonat fingiert oder tatsächlich eine telefonische Nachhausebegleitung in Anspruch genommen. Nicht nur im öffentlichen Raum, auch im nahen Umfeld wurde ich schon häufiger mit Grenzüberschreitungen dieser Art konfrontiert. Seien es anzügliche Kommentare oder offener Einladungen zu Sex mit anschließender Relativierung („das war doch nur ein Kompliment – ein kleiner Spaß“) – all das kenne ich auch. Herabwürdigungen aufgrund meines Geschlechts stehen auf meiner Tagesordnung.

Permanente Grundangst von Frauen für Männer nicht nachvollziehbar

Diese dauerhafte Angst und Unsicherheit im öffentlichen Raum aber auch jedem neuen Mann gegenüber, das ist für Männer schlicht nicht nachvollziehbar. Gerade deswegen sollten sie diesen Essay unbedingt lesen. Nicht, um sich angegriffen zu fühlen, sondern um zu verstehen, wie Frauen Alltag erleben, wie Verhalten, das vielleicht harmlos gemeint ist, Angst auslösen kann.

„Männer haben Angst, dass Frauen sie auslachen. Frauen haben Angst, dass Männer sie töten.“ (Margaret Atwood)

Dieses Zitat von Margaret Atwood bringt es auf den Punkt. Die Realitäten der Geschlechter gehen komplett auseinander. Lists Text macht deutlich, wie wichtig es ist, Frauen und Betroffenen nicht nur symbolisch zuzuhören, sondern ihre Erfahrungen strukturell einzubeziehen.

Betroffene müssen einbezogen werden

Gewaltschutz darf nicht ohne die Stimmen derjenigen gestaltet werden, die Gewalt erlebt haben. Darum geht es auch bei der Kampagne und der Petition Betroffenenräte Jetzt, die von Romy Stangl, Vorstandsfrau von One Billion Rising München e.V. initiiert wurde. Ganz wichtig dabei ist: Männer tragen dabei eine Mitverantwortung auch wenn sie auf der Seite der Guten sind. Mein Appell: Lest den Text von Nicole List, hört Frauen zu, auch wenn es unbequem ist, stärkt die Stimmen von Betroffenen und unterstützt die Petition Betroffenenräte Jetzt.

Fazit: Miteinander und Austausch als verbindende Kraft

Angst vor Männern ist kein Buch über Männerhass. Es ist ein Buch über Erfahrungen, die Frauen seit Generationen teilen. Es ist ehrlich und schmerzhaft präzise und gerade deshalb ist es wichtig, dass es viele (männliche) Leser findet.

Auf der Verlagsseite findet man ein wunderbares wie treffendes Portrait über den Verlag Wasser Publising: „WASSER glaubt an die verbindende Wirkung des Buchs, an das Potenzial der Gemeinschaft und an die Stärke von Ehrlichkeit, Sorgfalt und Offenheit. Gemeinsam suchen wir Wege, um anders zu publizieren: weg von der Gatekeeper-Funktion der Programmabteilungen, hin zu Austausch und Miteinander.“ Genau das hat dieser Essay für mich getroffen. Lasst uns in den Austausch und das Miteinander gehen, uns Zuhören, um Gewalt an Frauen eindämmen, damit sie keine Angst vor Männern mehr haben müssen.

Auf einen Blick:
Nicole List: Angst vor Männern
Wasser Publishing | 135 Seiten | ISBN: 978-3-903618-08-4
22,50 Euro


Hinweis: 
Dieses Buch habe ich selbst gekauft. Es handelt sich um keine Kooperation oder bezahlte Werbung.