Eine Lesung ist eine Lesung? Nicht bei Anne Freytag. Wer einen Abend erwartete, an dem lediglich aus dem Roman „Laute Nächte“ vorgelesen wird, hatte sich getäuscht. Die Bestsellerautorin nahm ihr Publikum mit auf eine ebenso unterhaltsame wie persönliche Reise hinter die Kulissen ihres Berufs – und machte dabei vor allem eines deutlich: Hinter jedem Buch steckt weit mehr als eine gute Geschichte.
Schon nach den ersten Minuten war klar, dass dieser Abend anders werden würde. Anne Freytag las drei ausgewählte Passagen aus „Laute Nächte“ und wechselte mühelos zwischen nachdenklichen Momenten und pointiertem Humor. Die Mischung aus Lesung, persönlichem Gespräch, „real talk“ und Anekdoten sorgte für eine kurzweilige und interessante Veranstaltung.
© Holger EngelhardWenn Figuren lebendig werden
Besonders spannend waren ihre Einblicke in den Schreibprozess. Freytag beschrieb eindrucksvoll, wie intensiv sie in die Welt ihrer Figuren eintaucht. Für sie entstehen Protagonistinnen und Protagonisten nicht nur auf dem Papier – sie entwickeln ein Eigenleben. Während des Schreibens begleitet sie deren Gedanken, Gefühle und Entscheidungen so intensiv, dass sie ihre Rollen zeitweise regelrecht lebt. Genau diese Nähe zu ihren Figuren, so wurde an diesem Abend deutlich, verleiht ihren Romanen ihre besondere Authentizität und Intensität.
Doch Anne Freytag sprach nicht nur über das kreative Schreiben. Mit großer Offenheit erzählte sie auch von den weniger glamourösen Seiten des Autorinnenlebens. Sie berichtete von Selbstzweifeln, von den unvermeidlichen Höhen und Tiefen ihres kreativen Schaffens und davon, wie wichtig Durchhaltevermögen ist. Dabei nahm sie sich selbst nie zu ernst und bewies immer wieder eine sympathische Portion Selbstironie.
Ebenso interessant waren ihre Einblicke in die Zusammenarbeit mit Verlagen. Sie schilderte, wie aus einer ersten Idee schließlich ein veröffentlichtes Buch entsteht und dass dieser Weg selten geradlinig verläuft. Manuskripte und Buchcover werden diskutiert, überarbeitet und manchmal auch infrage gestellt. Freytag sprach offen über kreative Herausforderungen, die enge Zusammenarbeit im Lektorat und die Herausforderungen der Literaturbranche. Gerade diese ehrlichen Einblicke machten den Abend besonders authentisch und zeigten, wie viel (Team)arbeit letztlich hinter einem Roman steckt.
Geschichten hinter den Geschichten
Geschichten mögen sich in ihren Grundzügen ähneln – doch jede Figur, jede Perspektive und jeder Roman entwickelt seinen ganz eigenen Klang. Genau dieses Gespür für die feinen Unterschiede vermittelte die Autorin eindrucksvoll.
Was den Abend jedoch vor allem auszeichnete, war Anne Freytags selbst. Sie wirkte nahbar, humorvoll und uprätentiös. Wir lernten eine Frau kennen, die mit großer Leidenschaft erzählt – von Büchern, vom Schreiben und vom Leben selbst.
Literatur trifft Kunst
Ein weiterer Höhepunkt des Abends war die außergewöhnliche Atmosphäre im Kallmann-Museum. Die Lesung fand im Veranstaltungsraum mitten in der aktuellen Ausstellung „Die Wirklichkeit der Farbe – Malerei und Reflexion“ statt – umgeben von Kunstwerken, die den Abend auf besondere Weise rahmten.
Wie passend, dass Anne Freytag im Laufe des Abends auch auf die Gestaltung ihrer Bücher zu sprechen kam. Sie lege großen Wert auf eine künstlerische Gestaltung des Covers, denn sie seien der erste Zugang zu einer Geschichte und transportierten bereits eine Stimmung, noch bevor die erste Seite aufgeschlagen wird. Inmitten der ausgestellten Kunstwerke bekam diese Aussage eine zusätzliche Bedeutung – als würden Buchkunst und bildende Kunst für einen Abend miteinander ins Gespräch kommen.
Ein gelungener Auftakt für die erste Veranstaltung unseres Vereines „K wie Kultur“. Es wurde ein laute (und lange) Nacht.
© Holger Engelhardv.l.n.r.: Tanja Heck, Judith Weißengruber, Franziska Weigert, Michael Gernet, Anne Freytag, Tanja Gernet, Christoph Rebelein und Holger Engelhard
