„Weil ich es konnte“ – „Inter Alia“ von Suzie Miller

Mit Inter Alia (lat. für „unter anderem“) legt Suzie Miller einen neuen, extrem vielschichtigen, feministischen Roman vor, der zweifeln lässt, wütend macht und Gefühle regelrecht seziert. Und wie auch bei Millers Vorgänger-Roman „Prima Facie“ ist es ein gnadenloser Diskurs über westliche Rechtssysteme, feministische Grundhaltungen, patriarchale „Selbstverständlichkeiten“. Und die Gratwanderungen dazwischen.

Musterfamilie. Mann. Frau. Ein Kind.

Wir bekommen Einblick in eine englische Muster-Ein-Kind-Familie der upper class in Großbritannien: die Hauptprotagonistin Jessica Parks (aus einfacheren Verhältnissen), Richterin am Crown Court, aus Ihrer Anwaltszeit spezialisiert auf Missbrauchs- und Sexualdelikte. Sie ist verheiratet mit Michael Wheatley (tatsächlich aus der upper class), Kronanwalt. Gemeinsam haben sie einen Sohn, Harry, gerade volljährig geworden – letzterer in seiner Kindheit/Jugend unbeliebt und ständig Opfer von Mobbing-Attacken.

Typisch Mann. Typisch Frau.

Zu Beginn des Romans finden wir uns in einer „altbekannten“ Situation: eine Gerichtsverhandlung über eine Vergewaltigung, nur diesmal sitzt der/die Leser*in auf der anderen Seite – der Seite der Judikative. Und schon ändert sich die Perspektive: die Wahrheit aber auch der Schutz der Zeugin/des Opfers bekommt ein ganz anders Gewicht. Im Folgenden gelingt es Miller haarsträubend gut, eine „typische“ Mann/Frau-Beziehung aufzuzeigen, in der die Frau ebenso erfolgreich, im konkreten Fall sogar erfolgreicher ist als der Mann (und sie darüber auch noch zweifelt, ob das so richtig ist, ob sie das verdient hat, und wie ihr Mann damit wohl umgeht!) – und dennoch: die Care-Arbeit bleibt zum überwiegenden Teil bei der Frau hängen, alle vermeintlich „weichen“ Faktoren (Playdates ausmachen, miteinander lernen, von der Schule abholen, sich Probleme und Sorgen anzuhören). Ihr Mann Michael übernimmt dabei durchaus auch Care-Arbeit, aber eher die typisch männlich konotierten: Harry muss sportliche Erfolge vorweisen! Dabei waren sie gleichberechtigt und gleichgestellt in die Beziehung und das Elternsein gestartet – wie konnte es soweit kommen, wann haben sie das gemeinsam entschieden, dass es so läuft, fragt sich Jessica. Suzie Mille gelingt das erdrückend gut darzustellen und ich denke jeder Mann in einer Beziehung mit Kindern erkennt sich zu einem gewissen Grad.

Wie schwer ist es, Eltern zu sein?

Im weiteren Verlauf tauchen wir ein in die psychischen Dunkelwelten des Elternseins, der Liebe zum Kind, der Ungläubigkeit gegenüber Entwicklungen, der Frage nach der Schuld an diesen Entwicklungen und der auf die Spitze getriebenen Entscheidung, wie unterstütze ich mein Kind dabei, Verantwortung zu tragen? Am Ende des Romans erleben wir eine Mutter, die sich selbst, die Erziehung ihres Kindes durch sie, die patriarchalen Zwänge, die Ausgestaltung und Funktion des Rechtssystems und unser aller Verantwortung mit den Konsequenzen daraus hinterfragt – und entgegen ihres juristischen Sachverstands ihren Sohn Harry beizustehen damit er seine Verantwortung wahrnehmen und übernehmen kann. 

Mein Fazit

Suzie Miller gelingt es wieder einmal, unsere patriarchale Gesellschaft unglaublich verdichtet, zugespitzt, realitätsnah und unglaublich bedrückend zu beschreiben. Und zeigt damit ein weiteres Mal auf, wie wichtig es ist, dass Männer (endlich) begreifen, dass sie Verantwortung übernehmen müssen, damit patriarchale Strukturen aufgebrochen werden.

© Michael Gernet

Auf einen Blick:
Suzie Miller: Inter Alia
Kjona Verlag | 320 Seiten | ISBN: 978-3-910372-83-2
25,00 Euro


Hinweis: Dieses Buch wurde uns freundlicherweise durch den Kjona-Verlag als Rezensionesexemplar zur Verfügung gestellt.